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Great Barrier Reef

Riffrettung mit Robotern und Riesenschnecken

Wildtiere | Dienstag, 1. Oktober 2019, Mario Ludwig

Ein gefrässiger Seestern bedroht das Great-Barrier-Riff, das grösste Riff der Welt. Um ihn zu bekämpfen, setzen die australischen Behörden auf Tauchroboter mit Spritzen voller Ochsengalle und auf eine Schnecke, die Seesterne aufschlabbert. 

Dornenkronen sind so etwas wie die Heuschrecken der Meere. Diese Seesternart neigt nicht nur zu Massenvermehrungen, sondern ist auch besonders gefrässig. In Millionenstärke fallen sie über ihre ausschliessliche Nahrung, Steinkorallen, her und vernichten so ganze Riffe. Zum Beispiel das australische Great-Barrier-Riff, mit einer Länge von über 2600 Kilometern das grösste Riff der Welt. Es hat in den letzten 27 Jahren fast 50 Prozent seiner Korallendecke verloren – hauptsächlich wegen des Dornenkronenseesterns. 

Mit einem Durchmesser von bis zu 50 Zentimetern ist die Dornenkrone einer der grössten Seesterne der Welt. Neben seiner Grösse ist auch die Zahl seiner Arme aussergewöhnlich: Dornenkronen haben im Gegensatz zu den meisten anderen Seesternarten, die lediglich fünf Arme ihr Eigen nennen, je nach Alter bis zu 32 Arme. Zudem sind sie leicht an den vier bis fünf Zentimeter langen Stacheln zu erkennen, die den ganzen Körper des Seesterns bedecken. Das Erscheinungsbild des stachligen Giganten-Seesterns, das ein bisschen an die Dornenkrone erinnert, die man Jesus bei der Kreuzigung aufs Haupt gesetzt hat, trug ihm denn auch seinen deutschen Namen ein.

50 Millionen Nachkommen pro Jahr
Wenn sich die Dornenkrone über ein Korallenriff hermacht, frisst sie aber nicht das Kalkskelett, das für den Aufbau der Riffe verantwortlich ist. Sie hat es auf die Polypen abgesehen, die dieses Kalkskelett produzieren. Dazu klettert der Seestern auf die Koralle, stülpt seinen Magen aus und entlässt Verdauungsenzyme, welche die Polypen verflüssigen. Danach nimmt er die vorverdaute Nahrung mithilfe des ausgestülpten Magens auf. 

Ein einziger Seestern verzehrt pro Tag ein Stück Korallenriff von der Grösse einer Faust. Auf ein Jahr hochgerechnet kann eine Dornenkrone je nach Grösse zwischen sechs und zehn Quadratmeter Riff zerstören. Das klingt auf den ersten Blick nicht nach besonders viel. Bedenkt man jedoch, dass ein einziger Dornenkronenseestern bis zu 50 Millionen Nachkommen pro Jahr produzieren kann, sieht das schon anders aus. 

Wie es zu den Massenvermehrungen der Seesterne in den letzten Jahren kam, ist umstritten. Die zurzeit am meisten favorisierte Theorie geht davon aus, dass überdüngte Zuckerrohrfelder im australischen Bundesstaat Queensland dafür verantwortlich sind. Starke Regenfälle spülen die im Überschuss vorhandenen Nährstoffe ins Meer. Diese sorgen dann dort für eine starke Vermehrung des Planktons, von dem sich die Larven der Dornenkronen ernähren. 

Selbstverständlich haben die australischen Behörden den Dornenkronenseesternen den Krieg erklärt, um das Great-Barrier-Riff vor der Zerstörung zu bewahren. Allerdings gestaltet sich die Bekämpfung der Seesterne als ziemlich schwierig – nicht nur aufgrund der gefürchteten Stacheln. Dornenkronen verfügen nämlich wie alle Stachelhäuter über eine ausgesprochen hohe Regenerationsfähigkeit. Einfach die Seesterne mit dem Tauchermesser zu zerschneiden, ist deshalb kontraproduktiv: Auf diese Weise macht man aus einem Übeltäter nämlich sogar zwei. 

Von der Schnecke erschnüffelt
Das Mittel der Wahl der Seesternbekämpfer ist im Augenblick Ochsengalle. Taucher injizieren diese Substanz den gefrässigen Riffzerstörern mithilfe von grossen Spritzen. Die Ochsengalle bewirkt, dass die Seesterne sich innerhalb von zwölf Stunden vollständig zersetzen. An einem guten Tag kann ein Taucherteam mit dieser Methode bis zu 10 000 Dornenkronen abtöten. Angesichts der hohen Nachkommenschaft, auf die es ein Dornenkronenseestern bringen kann, ist das allerdings oft nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

So funktioniert der Cotsbot (Video: TheQUTube):

Hilfe bringen soll deshalb nun ein Tauchroboter. Der Cotsbot, «Crown-of-thorns-Starfish-Roboter», den Forscher der Universität von Queensland entwickelt haben, ist ein hochmodernes Unterwasserfahrzeug, dem die Wissenschaftler mithilfe Tausender Fotos beigebracht haben, Dornenkronen im Riff sicher zu identifizieren. Hat Cotsbot erst einmal eine Dornenkrone ausgemacht, verpasst er dem Riffschädling mithilfe eines mechanischen Greifarms eine tödliche Dosis Ochsengalle. Der autonome Tauchroboter kann bis zu acht Stunden unter Wasser bleiben und dabei rund 200 Dornenkronen abtöten. Der Vorteil des Roboters gegenüber einem Taucher liegt auf der Hand: Er arbeitet Tag und Nacht, und das bei jedem Wetter.

Aber die Australier haben gegen die gefräs­sigen Seesterne noch einen weiteren Pfeil im Köcher: Tritonshornschnecken, gewaltige Schnecken, die bis zu 50 Zentimeter gross werden können («Tierwelt Online» berichtete). Diese räuberischen Schnecken ernähren sich fast ausschliesslich von Seesternen. Und sie haben einen ausgeprägten Geruchssinn, mit dem sie ganz gezielt Dornenkronenseesterne erschüffeln können. Hat ein Tritonshorn eine Dornenkrone erwischt, spritzt es mithilfe seines langen Rüssels einen narkotisierenden und säurehaltigen Speichel in die Mundöffnung des Seesterns, der diesen lähmt und sein Kalkskelett auflöst. Jetzt muss die Schnecke den Nahrungsbrei nur noch «aufschlabbern». 

Tritonhornschnecke frist einen Seestern (Video: BankerManUSA):

Erstaunlicherweise werden die Tritonshörner durch die scharfen Stacheln der Dornenkrone nicht verletzt. Allerdings gibt es heute in den Korallenriffen nur noch wenige dieser Schnecken. Das hängt damit zusammen, dass ihre Gehäuse bei Sammlern äusserst begehrt sind. Die Tritonshörner wurden in Australien zwar unter Schutz gestellt, werden aber, da sie sich auf dem Schwarzmarkt teuer verkaufen lassen, immer wieder von Wilderern illegal gesammelt.

Deshalb fördert die australische Regierung mehrere Projekte, die in Zuchtanlagen Tritonshornschnecken in grossem Stil züchten, um sie später im Riff auszusetzen. Ob diese biologische Bekämpfung funktionieren wird, steht aber noch in den Sternen. 

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