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Gesamteindruck

Was eine Taube schön macht

Tauben | Dienstag, 3. Dezember 2019, Wilhelm Bauer

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Dennoch müssen mehrere Faktoren stimmen, dass eine Taube als schön bezeichnet wird. Unter dem Begriff «Gesamteindruck» fassen das sowohl Züchter als auch der Standard zusammen.

Standards geben vor, wie eine Taube auszusehen hat. Das gilt übrigens für alle Tierrassen, die gezielt gezüchtet werden. Während bei vielen Tieren zum Beispiel auch funktionale Dinge detailliert beschrieben werden, ist das bei Rassetauben nicht der Fall. Bei ihnen wird der Schwerpunkt ganz klar auf das äussere Erscheinungsbild gelegt. Die Rassetaubenzucht ist also eine Zucht auf Schönheit. Das ist ein deutlicher Unterschied zu Brief- oder Flugtaubenrassen. Bei ihnen ist das Aussehen egal, solange sie schnell sind beziehungsweise einen besonderen Flugstil zeigen. Dennoch gibt es auch bei ihnen Züchter, die ein besonderes Aussehen in Farbe, Zeichnung oder auch einen bestimmten Typ favorisieren. 

Doch genau in diesem subjektiven Empfinden liegt das Problem. Was ist schön? Eine Frage, die jeder unterschiedlich beantworten würde. Wäre das nicht der Fall, hätten alle die gleiche Taubenrasse. Schliesslich züchtet man die Taubenrasse, die man besonders hübsch findet. Wenn man bedenkt, dass rund 350 Taubenrassen im Standard gelistet sind, dann macht das deutlich, wie unterschiedlich die Geschmäcker der Züchter sind. 

Ein interessanter Aspekt in den Standards ist, dass die Bewertungsreihenfolge für alle Taubenrassen unterschiedlich ist. Bei jeder Rasse steht der Gesamteindruck an erster Stelle. Was steckt aber hinter dem Begriff Gesamteindruck? Wer sich darüber Gedanken macht, dem fallen Schlagwörter wie Harmonie, Zusammenspiel und Stimmigkeit der Rassenmerkmale oder Schönheit ein – bekannte Begriffe, die schwierig in Worte zu fassen sind.

Viele Züchter sind betriebsblind
Es hat einen guten Grund, weshalb der Gesamteindruck an erster Stelle der Bewertungsreihenfolge steht. Die Verantwortlichen wollen, dass das ganze Tier auf den ersten Blick erfasst und betrachtet wird. Erst dann geht es um die Beurteilung und die Eingruppierung nach Qualität. Trotzdem lässt sich das eine vom anderen nicht trennen. Ein Kenner wird eine Taube ansehen und dann kategorisieren. Ergibt sich bei der Handbewertung keine Überraschung, ist das erste und damit endgültige Urteil schon gesprochen.

Der Gesamteindruck hat dabei die Aufgabe, kein Rassenmerkmal zu hoch anzusetzen beziehungsweise überzubewerten. Er ist also auch die beste Gewähr, dass kein Rassenmerkmal zu stark in den Vordergrund rückt. Vor allem im Hinblick auf eine geführte Diskussion um Extreme in der Tierzucht ist der Gesamteindruck das wichtigste Argument dagegen. Stimmt nämlich der Gesamteindruck, kann ein Rassenmerkmal nicht überbetont, geschweige denn extrem sein.

Die Harmonie des Ganzen ist der Schlüssel zum Erfolg. Züchter sind gerne etwas verliebt in ein bestimmtes Tier. Entweder es stammt aus einem speziellen Paar, das nur herausragende Jungtiere bringen kann. Es hat sich bereits im Nest von seiner besten Seite gezeigt. Manche Tauben stehen bereits mit rund 20 Tagen so im Nest, als würden sie wissen, dass sie die Schönsten sind. Oder die Taube zeigt ein Merkmal in einer solchen Perfektion, dass man fast betriebsblind wird. 

Schauen sich Züchter die Taube an, sehen sie immer die tolle Haube, die schönen Binden, das herrliche Kopfprofil oder ähnliches. Züchter sind also etwas voreingenommen und sehen nur das, was sie sehen wollen. Spätestens wenn die Taube bei einer Ausstellung präsentiert wird, tritt in der Regel Ernüchterung ein. Der Preisrichter hat nämlich die rosarote Besitzer-Brille nicht auf. Er schaut die Taube unvoreingenommen an und erfasst als Erstes den Gesamteindruck. Das besondere Rassenmerkmal erkennt er sofort und auch die nicht ganz so geschwungene Bindenführung. Die Vorgeschichte der Taube und ihres Züchters kennt er nicht.

Das Spitzentier der Kollektion ist also in den seltensten Fällen dieses vom Züchter favorisierte Tier, sondern ein anderes. Dieses Tier muss zwar ebenfalls rassig sein, aber in seiner Gesamtheit. Für den amtierenden Preisrichter bewahrheitet sich die alte These, dass man das 97-Punkte-Tier nicht sucht. Es muss sich anbieten. 

Sinnvoll, den Standard zu lesen
Die Harmonie und das Zusammenspiel der Rassenmerkmale stimmen bei solchen Tauben besser. Dazu kommt meistens noch die Tatsache, dass es Tauben sind, die sich präsentieren wollen. Das ist übrigens ein Phänomen, das man öfters erlebt. Nimmt man einen Züchter und zeigt ihm seine Tauben, wird er wahrscheinlich auch eine harmonische Taube als die beste auswählen. Also wieder eine Taube, bei der der Gesamteindruck stimmt. Interessanterweise kann man dieses Spiel auch mit Menschen machen, die mit Tauben nichts zu tun haben. Selbst bei sehr aussergewöhnlichen Taubenrassen funktioniert das sehr gut. Viele Menschen empfinden sogar manche ausgesprochen hässlich. 

Dennoch wählen Menschen in der Regel ein Tier, das stimmig ist, bei dem der Gesamteindruck passt. Je extravaganter eine Rasse laut Standard aussehen muss, desto mehr ist ein Zusammenspiel der einzelnen Merkmale von Bedeutung. Das haben schon die Taubenzüchter vor langer Zeit erfasst und die Standards beziehungsweise die Wunschvorgaben entsprechend formuliert. 

Kommt es dennoch zu etwaigen Problemen im Hinblick auf die Ausprägung der Rassenmerkmale, dann liegt das an der Standardauslegung. Deshalb ist es immer sinnvoll, einen Blick in den Standard zu werfen und dort nachzulesen. Der Rahmen ist klar formuliert und es wäre schade, wenn man sich aus ihm hinaus bewegen würde. 

Rassenmerkmale sind das eine, die Harmonie, der Gesamteindruck das andere. Stimmt der Gesamteindruck nicht, stimmt gar nichts oder anders ausgedrückt: Ohne stimmigen Gesamteindruck ist alles nichts. Vielleicht steht er deshalb ganz vorne in der Bewertungsreihenfolge.

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